Zahntechnikermeister Markus Mayer (links) schaut Azubi Abdullah Touma beim Arbeiten über die Schulter.
C. Addicks
Modellhaft: Gleich am ersten Tag seiner Ausbildung durfte Abdullah Touma (rechts) mit dem Üben loslegen. Schließlich will Zahntechnikermeister Markus Mayer dafür sorgen, dass der junge Syrer das Handwerk von der Pike auf lernt.

"Wer etwas lernen will, ist willkommen"

Abdullah Touma aus Syrien hat in Rottweil seinen Traumberuf gefunden

Eigentlich hatte Markus Mayer nicht unbedingt vor, in diesem Jahr noch einen Auszubildenden zu nehmen. Nicht, weil es dem Zahntechnikermeister und seinem Labor an Arbeit mangeln würde, ganz im Gegenteil: Dass manche Praxen kurzzeitig auf Notfallversorgung umstellen mussten und weniger neue Aufträge reinkamen, habe die Chance geboten, einiges aufzuarbeiten, sagt er. Aber dann habe man coronabedingt Praktika absagen müssen und das Thema Ausbildung sei ein wenig in den Hintergrund gerückt – bis Abdullah Touma kam und ihn schlicht und einfach überzeugte. „Das war die sauberste Bewerbung seit langem“, sagt der Firmenchef.

Glückliches Ende einer langen Suche

Bundesweit sei der junge Syrer, der vor fünf Jahren mit seiner Familie nach Deutschland gekommen ist und in Schwenningen lebt, auf der Suche gewesen, habe bis hoch ins Rheinland Praktika absolviert und sei schließlich auf das Rottweiler Unternehmen zugegangen. Ein paar Tage im Betrieb genügten dann, um Markus Mayer von der Eignung seines neuen Azubis vollends zu überzeugen: „Nicht nur, dass er die deutsche Sprache gut beherrscht, er stellt vor allem die richtigen Fragen. Da merkt man, dass er ganz bei der Sache ist“, lobt Mayer. Der 23-Jährige sei hochmotiviert und zielstrebig – und darauf, nicht auf die Herkunft, komme es an: „Mir ist es egal, ob ein Azubi Schwabe, Bayer oder Syrer ist: Wer wirklich etwas lernen will, ist willkommen.“

Mit Baris Abak, der bei der Handwerkskammer Konstanz als „Kümmerer“ Geflüchtete und ihre Ausbildungsbetriebe betreut, haben Markus Mayer und Abdullah Touma im Vorfeld über Unterstützungsmöglichkeiten gesprochen. Das Ergebnis: „Wir waren uns einig, dass das erst einmal nicht notwendig ist. Abdullah ist bestens vorbereitet, er hat sogar extra den Unterricht im Technischen Gymnasium besucht, um sich das entsprechende Vokabular anzueignen“, sagt sein Ausbilder.

Eine solche Eigenverantwortung und Initiative wünscht sich der Firmenchef noch viel häufiger: „Wir haben es anscheinend ein bisschen verlernt, uns um uns selbst zu kümmern“, sagt Mayer auch mit Blick auf die allseitige staatliche Krisenintervention. Immer weniger Menschen seien bereit, Risiken einzugehen, Verantwortung zu übernehmen und sich voll reinzuknien. Seinem neuen Azubi habe er gleich gesagt: „Der Weg bis zur Rente ist weit und von selbst läuft nichts.“

Gründliche Ausbildung garantiert

Dafür bekommt Abdullah Touma bei Zahntechnik Mayer die Chance, das Handwerk von der Pike auf zu lernen, denn das Labor setzt nicht auf Masse, sondern auf individuelle und langlebige Versorgung: „Bei mir kommen die Zähne nicht aus der Datenbank“, erklärt Markus Mayer. Moderne Fertigungstechnik unterstütze ihn lediglich in seiner Präzision, ersetze aber nicht die handwerkliche Arbeit und auch nicht das sorgfältige Abklären von Kundenwünschen. Am liebsten spricht der Zahntechnikermeister deshalb selbst mit den Patienten, lässt sich auch schon mal alte Fotos zeigen, um ein auch ästhetisch optimales Ergebnis zu erzielen. Dann wird jede Krone individuell gestaltet und händisch mit mehreren Schichten Keramik versehen.

Es wartet also jede Menge Arbeit auf Abdullah Touma – genauso wie auf Mayer selbst, wie er nur zu gut weiß: „Lehrlinge fressen Zeit, das ist jedem Ausbilder klar. Und diese Zeit muss man sich nehmen, auch wenn die Auftragsbücher voll sind“, sagt er. Dieses Engagement trägt aber auch Früchte: Einer seiner früheren Azubis studiere inzwischen Zahnmedizin, eine andere Auszubildende wolle nach dem Abschluss als Gesellin im Betrieb bleiben, erzählt Markus Mayer stolz. Genauso freue ihn, dass Abdullah Touma jetzt bei ihm seinen Traumberuf erlernen könne: „Es ist immer ein gutes Gefühl, wenn man junge Menschen weiterbringen kann.“

 Immer mehr Menschen, die aus Krisen- und Kriegsgebieten flüchten mussten, fassen im Handwerk der Region beruflich Fuß. 112 neue Ausbildungsverträge mit Geflüchteten wurden in diesem Jahr bei der Handwerkskammer Konstanz bislang eingetragen. Damit sind aktuell insgesamt 344 Geflüchtete in Ausbildung. 88 haben bereits erfolgreich ihre Gesellenprüfung absolviert.

Mit einem breiten Angebot an Beratung und Schulungen unterstützt die Handwerkskammer Auszubildende und Betriebe auf diesem Weg. Ansprechpartner für Fragen der passgenauen Vermittlung und Begleitung beim Start in die Ausbildung ist Baris Abak, rechtliche Beratung etwa zum Bleiberecht gibt es bei Ines Rimmele und unter dem Titel „Fit für die Ausbildung“ bieten die Bildungsakademien der Handwerkskammer ab Herbst außerdem wieder ergänzenden Grundlagenunterricht beispielsweise in Mathematik, Physik, Deutsch oder Wirtschaftskunde an. 

Abak Baris

Baris Abak

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Ines Rimmele

Recht und Bildung
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