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Handwerkskammer Konstanz
Haben für einen nahtlosen Übergang gesorgt: Simon Reiner (links) und Johannes Hierling.

Es geht weiter um die Wurst

Die Übergabe ist im Lebensmittelhandwerk zum Knackpunkt geworden. Wie die Zukunftssicherung gelingt, zeigt die Dettinger Traditionsmetzgerei Hierling

„Ich wusste es gleich: diese oder keine“, sagt Simon Reiner. Seit Oktober ist er der neue Chef der Metzgerei Hierling – und damit fast schon eine Besonderheit in einer von Fachkräfte- wie Nachfolgermangel schwer gebeutelten Branche.

Etwa 30 Prozent der Metzgereien sind bundesweit innerhalb der letzten zehn Jahre verschwunden. Im Bezirk der Handwerkskammer Konstanz ist der Rückgang mit früher 261 und heute 216 Betrieben zwar moderater, aber dennoch spürbar. Ein häufiger Knackpunkt: Die Übergabe an die nächste Generation. „Im gesamten Lebensmittelhandwerk fehlen Fachkräfte und damit auch potenzielle Übernehmer. Wo ein Betrieb nicht in der Familie bleibt, wird die Suche mühsam“, sagt Dennis Schäuble, Betriebsberater und Nachfolge-Spezialist der Handwerkskammer Konstanz.

Metzgermeister Johannes Hierling weiß, wovon die Rede ist. Vor mehr als 40 Jahren hatte er das Geschäft, das sein Vater Gottfried 1949 in Dettingen (Landkreis Konstanz) gründete, übernommen, stand aber selbst ohne Nachfolger da. „Meine beiden Söhne sind auf ihren eigenen Wegen erfolgreich. Ich war mir aber sicher: Man braucht nur einen, der übernimmt, und den finde ich auch“, sagt der heute 61-Jährige.

„Genau der Betrieb, den ich mir gewünscht habe“

Er behielt mit seinem Optimismus recht. Über die Betriebsbörse der Handwerkskammer wurde Simon Reiner auf den Betrieb aufmerksam – und entpuppte sich als Nachfolger nach Maß: 30 Jahre jung, bodenständig, zupackend und nach der Ausbildung im Betrieb des Onkels, der Meisterschule und ein paar Jahren in der Industrie mehr als nur bereit, Verantwortung für einen eigenen Betrieb zu übernehmen. „Das ist genau die Aufgabe und die Art Betrieb, die ich mit gewünscht habe: eng verbunden mit dem Dorf und den Menschen und bestens geführt“, sagt der aus Dotternhausen im Zollernalbkreis stammende Übernehmer. Keine Frage, dass er sowohl alle 30 Mitarbeiter in der Produktion und den drei Ladengeschäften als auch den Namen behalten wollte: „Hierling ist hier eine Marke. Man wäre schlecht beraten, so ein Unternehmen umzubenennen.“

Dass die Metzgerei nicht nur in Sachen Fleisch- und Wurstqualität einen guten Ruf genießt, sondern auch als Unternehmen gut aufgestellt ist, sei schon beim ersten Blick in die Bücher deutlich geworden: „Wenn da nur längst abgeschriebene Maschinen stehen, wird man skeptisch. So aber sieht man: Hier hat jemand an die Zukunft gedacht.“

„Nicht aufhören, zu investieren“

Diesen Tipp gibt Übergeber Johannes Hierling auch anderen Betriebsinhabern mit auf den Weg: „Man darf nicht aufhören, zu investieren. Und man sollte angemessene Preisvorstellungen haben. Einerseits muss es für die Alterssicherung reichen, andererseits sollte man sich fragen: Was kann ein junger Übernehmer wirklich stemmen?“ Stimmt dann noch die Chemie, könne man schnell handelseinig werden – wäre da nicht die Bürokratie: „Bei uns hätte ein Handschlag gereicht. So aber ging nichts ohne Steuerberater und Anwälte“, sagt Simon Reiner und sein Vorgänger nickt.

Doch auch diese Hürde haben die beiden Metzgermeister genommen und sogar für einen besonders sanften Übergang gesorgt: Ein Jahr lang wird Johannes Hierling noch mit im Betrieb sein und seinen Nachfolger einmal durch alle Festivitäten und jahreszeitlichen Spezialitäten begleiten. Dann aber macht er den Abflug – und das im wörtlichen Sinn: „Ich habe das Gleitschirmfliegen für mich entdeckt. Dafür bleibt dann endlich genügend Zeit“, schwärmt der Betriebsinhaber a.D.

Auch Simon Reiner will den ein oder anderen neuen Weg ausprobieren. Einen echten Coup hat der Jungunternehmer schon gelandet: Pünktlich zu Ostern eröffnete er an der Hauptdurchfahrtsstraße in Dettingen einen Wurst- und Fleischautomaten . Dort gibt es jetzt von der Leberwurst bis zum XXL-Grillpaket fast alles, was Fleischliebhaber und Grillfans brauchen – und das rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche. „An den Feiertagen standen die Leute Schlange“, freut sich der junge Metzgermeister. Doch selbst, wenn er schon weitere Standorte für Hierling-Automaten im Blick hat: Vor allem will er die gewachsenen Kontakte zu Kunden und Lieferanten pflegen. Demnächst soll es ein großes Hoffest geben. Ob die Dettinger kommen werden? „Bestimmt. Schließlich freuen sich die Leute hier, dass sie weiterhin ‚ihre Metzgerei‘ haben.“

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Dennis Schäuble

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