Will alle einbinden und für Qualität und Wertschätzung des Handwerks kämpfen: Werner Rottler, seit Dezember Präsidenten der Handwerkskammer Konstanz.
Handwerkskammer Konstanz
Will alle einbinden und für Qualität und Wertschätzung des Handwerks kämpfen: Werner Rottler, seit Dezember Präsidenten der Handwerkskammer Konstanz.

"Die Qualität im Handwerk hochhalten"

Werner Rottler, neuer Präsident der Handwerkskammer Konstanz, über seine Wahl, seinen Werdegang und die Ziele der nächsten fünf Jahre

Herr Rottler, im Juli in die Vollversammlung gewählt, im Dezember schon Präsident. Hand aufs Herz: Sind Sie auch selbst ein bisschen überrascht?

Werner Rottler: Die Entwicklung dahin hat mich schon überrascht. Anfang des Jahres hatte ich noch die Leitung der Schornsteinfeger-Innung übergeben – eigentlich, um privat mehr Freiräume zu haben. Aber nach der Wahl im Sommer bin ich immer wieder angesprochen worden und habe dann die Bereitschaft signalisiert, im Vorstand mitzuarbeiten. Jetzt ist es das Präsidentenamt geworden. Es ist aber auch nicht das erste Mal, dass ich ins kalte Wasser springe: Das war schon 1990 der Fall, als ich mit 26 Jahren Bundesvorsitzender der gerade wiedervereinigten Schornsteinfeger-Gewerkschaft wurde. Und dann 2009, als sich die Rechtslage für Schornsteinfeger geändert hatte und ich das Amt des Obermeisters übernommen habe. Ich musste noch keinem Ehrenamt hinterherlaufen – es kam immer auf mich zu.

Nach diesem langjährigen Engagement im Schornsteinfeger-Handwerk vertreten Sie jetzt 12.500 Betriebe aus ganz unterschiedlichen Gewerken, vom Solo-Selbständigen bis zum Hidden Champion mit Weltmarktgeltung. Wie wird man denen allen gerecht?

Es ist klar, dass jeder schon aufgrund der unterschiedlichen Betriebsgröße und Wettbewerbssituation andere Interessen und Bedürfnisse hat. Für mich ist es wichtig, überall genau hinzuhören, um zu wissen, wo der Schuh drückt. Und dann brauchen die kleinen Betriebe genauso wie die großen Unternehmen ein politisches Netzwerk. Wenn man weiß, wie es in der Praxis aussieht, kann man mit Sachargumenten arbeiten und findet auch in der Politik Gehör. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Konjunkturell sieht es im Handwerk der Region bei aller sonstigen Verunsicherung ja noch sehr gut aus. Vom Fachkräftemangel bis zur Digitalisierung warten aber etliche Herausforderungen auf die Betriebe. Welche Schwerpunkte wollen Sie in den nächsten fünf Jahren setzen?

Das wichtigste Ziel ist für mich, die Qualität im Handwerk hochzuhalten. Das setzt voraus, dass wir qualifizierte Fachkräfte haben, also in der Nachwuchsgewinnung und in der Aus- und Weiterbildung noch besser werden. Um auf dem Fachkräftemarkt konkurrenzfähig zu sein und hochwertige Arbeit abzuliefern, muss aber auch die soziale Absicherung gewährleistet sein: Gute Arbeit muss sich lohnen und Qualität muss sich auszahlen. Auch die Arbeitsabläufe müssen stimmen. Da können digitale Technologien viel verbessern, das sehe ich im eigenen Betrieb.

Sie selbst stammen ja nicht aus einer Handwerkerfamilie. Wie war denn Ihr Weg ins Handwerk?

Wir hatten eine kleine Landwirtschaft und mein Vater hat im Nebenerwerb zusätzlich auf dem Bau und als Hausmeister in der Industrie gearbeitet. Damals durfte ja längst nicht jeder einen Beruf erlernen. Mein ältester Bruder war bei Bezirksschornsteinfeger Werner Zimmermann in der Lehre und ich sollte erst in einem SHK-Betrieb lernen. Aber ich wollte unbedingt auch Schornsteinfeger werden. Man kann sagen, ich brannte schon damals für diesen Beruf. Das hat mein Vater zum Glück gemerkt und mich unterstützt. Dafür bin ich ihm nach wie vor dankbar.

Heute haben Eltern ja oft ganz andere Pläne für ihre Kinder. Wie kann man den Stellenwert der dualen Ausbildung und des Handwerks wieder stärker ins Bewusstsein bringen?

Das ist wirklich eine große Aufgabe in unserer Gesellschaft. Der Tenor lautet heute: erst Abitur und dann eine akademische Laufbahn. Die Handwerksorganisationen präsentieren unsere Berufe zwar exzellent, aber da ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig. Das geht aber am besten im persönlichen Kontakt. Wir kommen doch schließlich von Haus zu Haus und können direkt in den Familien um potenzielle Auszubildende werben. Ich finde: Jeder Handwerker sollte ein Ausbildungsbotschafter sein.

Die Selbstverwaltung hat in Deutschland zwar eine lange Tradition, ist aber längst nicht selbsterklärend. Wie vermitteln Sie einem jungen Existenzgründer, warum es sich lohnt, Mitglied der Handwerkskammer zu sein?

Ich sage ihm, dass es notwendig ist, Spielregeln festzulegen und eine Basis zu haben, auf der man das gemeinsam Erarbeitete weitertragen kann. Davon lebt die Selbstverwaltung, genauso wie die Kultur. Die Leistungen brauchen aber noch mehr Multiplikatoren – und auch da sind alle gefragt, die Innungen, die Kreishandwerkerschaften und die Handwerkskammer selbst.

Als wichtiges Anliegen haben Sie in Ihrer Wahlrede ja die Stärkung des Wir-Gefühls im Handwerk genannt. Doch auch im Ehrenamt macht sich der Nachwuchsmangel bemerkbar. Momentan liegt das Durchschnittsalter der Obermeister bei 54 Jahren. Wie bindet man die nächste Generation besser ein?

Das geht nur, wenn man den Weg freimacht, junge Leute aktiv in die Gremien holt und ihnen Gestaltungsspielräume eröffnet. Es gibt da schon einige ermutigende Beispiele, bei denen sich Innungen neu aufgestellt haben und zum Beispiel ihre Versammlungen ganz anders aufziehen. Diese Öffnung ist dringend notwendig, sonst bleiben die Jungen weg.

Im letzten Jahr haben sich ja einige lang gehegte Wünsche des Handwerks erfüllt, Stichwort Wiedereinführung der Meisterpflicht und Meisterprämie und zuletzt auch noch die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung. Was sollte aus Ihrer Sicht 2020 ganz oben auf der politischen Agenda stehen?

Ich will jetzt nicht über die hohe Bürokratiebelastung klagen. Manches ist ja schlicht notwendig, weil Lücken auch ausgenutzt werden. Was mir wirklich am Herzen liegt, ist die Anerkennung der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Aus- und Weiterbildung. Der Nachwuchs im Handwerk muss dieselben Bedingungen bekommen und genauso gefördert werden wie Studierende. Da sind neue Konzepte gefragt, damit das im Bildungssystem und auch in der Gesellschaft ankommt.