Next Generation Handwerk Endlich selbständig: Vorteile von Gründung und Übernahme

PRESSE. Viele junge Unternehmer wollen sich was Eigenes aufbauen, dabei stecken auch in einer Übernahme viele Chancen. Die Vorteile von Übernahme und Gründung erklärt Dennis Schäuble, Leiter des Unternehmensservice der Handwerkskammer Konstanz.

Backstube in der Bäckerei Dick in Denzingen: Vater und Sohn klatschen sich ab.
Next Generation. In der Bäckerei Dick aus Denzingen hat der Sohn den Betrieb des Vaters übernommen.

Ein eigener Betrieb ist für viele Handwerker das große Ziel. Doch wer eigene Entscheidungen treffen und gestalten will, wer Verantwortung übernehmen möchte, der steht zu Beginn vor einer grundsätzlichen Entscheidung: neu gründen oder einen bestehenden Betrieb fortführen. Beide Wege führen in die Selbständigkeit, unterscheiden sich aber in Risiko, Tempo und Handlungsspielraum.

„Welcher Weg der bessere ist, lässt sich nicht pauschal sagen“, sagt Dennis Schäuble, Fachbereichsleiter Unternehmensservice bei der Handwerkskammer Konstanz. Es hänge von der Persönlichkeit des Unternehmers ab, von seinen Zielen und auch von dem, was er bereit ist zu investieren.

Das spricht für eine Übernahme

Auf vorhandene Strukturen bauen

Wer einen bestehenden Betrieb übernimmt, kann auf gewachsene Strukturen zurückgreifen. Der Betrieb ist bereits am Markt etabliert, es gibt Aufträge und Einnahmen fließen. „Das sind nicht zu unterschätzende Vorteile“, bewertet Dennis Schäuble. „Voraussetzung ist allerdings, dass der übernommene Betrieb gesund aufgestellt ist.“ Um die Risiken zu minimieren, bieten die betriebswirtschaftlichen Berater der Handwerkskammer eine Bewertung des in Frage kommenden Betriebs an.

Mehr Stabilität und Sicherheit

Ein übernommener Betrieb ist bereits ein gut laufendes System. Es gibt einen festen Kundenstamm, Beziehungen mit Lieferanten und eingespielte Abläufe. „Bei einer Übernahme fließen gleich Umsätze. Die Erträge geben Sicherheit und tragen zur Verringerung der Schuldenlast bei. Wer neu gründet, ist erstmal eine Weile mit dem Aufbau der nötigen Strukturen beschäftigt und braucht häufig mehrere Jahre, um verlässliche Erträge zu erzielen“, erläutert Schäuble.

Kalkulierbare Finanzen

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Geschäftsentwicklung bekannt ist. Die Zahlen liefern eine gute Grundlage für Planung und Finanzierung. Auch Banken bewerten bei der Kreditvergabe bestehende Unternehmen häufig als kalkulierbarer, da sich ihre Leistungsfähigkeit anhand realer Daten einschätzen lässt.

Fester Mitarbeiterstamm

Wer einen bestehenden Betrieb übernimmt, übernimmt auch die Mitarbeiter, ein eingespieltes Team mit jahrelanger Expertise. „In Zeiten von Fachkräftemangel ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil“, sagt Schäuble, der täglich in seinen Beratungen sieht, dass Betriebe ihre offenen Stellen nicht besetzen können. Allerdings räumt er ein, dass es manchmal auch einfach mit dem einen oder anderen Mitarbeiter nicht zusammenpasse.

Wer einen Betrieb übernimmt, übernimmt nicht nur dessen Potenziale, sondern auch dessen Verpflichtungen.

Dennis Schäuble, Leiter Unternehmensservice

Potenziale vs. Verpflichtungen

All diese Vorteile garantieren zwar Stabilität, können aber auch ein Nachteil sein. „Wer einen Betrieb übernimmt, übernimmt nicht nur dessen Potenziale, sondern auch dessen Verpflichtungen“, erklärt Schäuble. „Neben bestehenden Arbeitsverhältnissen gehören dazu etwa Lieferantenbeziehungen, laufende Verträge und nicht selten auch technische oder organisatorische Altlasten.“ Das könne so manche Herausforderung bereithalten.

Widerstand bei Veränderungen

Seinen neuen Betrieb möchte der Betriebsinhaber meist durch seine Ideen gestalten. Doch Veränderungen lassen sich mit einer bestehenden Mannschaft meist nur schrittweise durchsetzen – eventuell mit Widerstand. Die Handlungsspielräume sind also begrenzter, wenn sich Prozesse, Strukturen und Erwartungen über Jahre verfestigt haben. Dennis Schäuble rät zu Transparenz von Anfang an: „Bei Veränderungen ist es wichtig, alle Mitarbeiter miteinzubeziehen, damit alle die Möglichkeit haben, sich auf die neue Situation einzustellen. Das braucht Zeit.“

Höherer Kapitalbedarf

Ein etablierter Betrieb hat einen messbaren Wert, der finanziert werden muss. Der Kapitalbedarf kann enorm sein. „Für Gründer bedeutet das höhere Einstiegskosten als bei einer Neugründung“, bewertet Schäuble. „Aber es gibt Förderungen, sowie Mittel und Wege, wie sich auch das bewerkstelligen lässt. Was sich für wen eignet, finden wir in den Beratungsgesprächen heraus.“

Das spricht für eine Neugründung

Viel Freiheit, mehr Risiko

Eine Neugründung bietet hingegen viel Freiheit, gleichzeitig aber ein höheres Risiko. „Wer neu startet, entscheidet selbst über Geschäftsmodell, Standort, Angebot und Organisation. Das hat Vorteile“, so Schäuble. „Es gibt keine gewachsenen Strukturen, die angepasst werden müssen, und keine Altverträge, die binden. Das macht eine Neugründung besonders attraktiv für Unternehmer mit klaren eigenen Vorstellungen. Sie können unabhängig und nach den eigenen Vorstellungen gestalten.“

Finanzielle Abwägungen

Auch finanziell kann der Einstieg einfacher sein. In vielen Fällen ist der Kapitalbedarf zunächst geringer, weil kein bestehender Betrieb gekauft werden muss. Allerdings gibt es eben auch keinen bestehenden Betrieb. Kunden müssen erst gewonnen, Abläufe entwickelt und die Marktposition Schritt für Schritt erarbeitet werden. Ob sich das Geschäftsmodell trägt, zeigt sich erst im laufenden Betrieb. Die Unsicherheiten sind entsprechend hoch.

Die Neugründung erfordert die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und ein Geschäftsmodell von Grund auf tragfähig zu entwickeln.

Dennis Schäuble, Leiter Unternehmensservice

Unterschiedliche Unternehmer

Beide Wege setzen eine bestimmte Art unternehmerisches Profil voraus. „Die Übernahme verlangt die Bereitschaft, in bestehende Strukturen einzutreten und Verantwortung für deren Fortführung zu übernehmen. Die Neugründung erfordert dagegen die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und ein Geschäftsmodell von Grund auf tragfähig zu entwickeln“, fasst Berater Dennis Schäuble die wichtigen Eigenschaften zusammen.

Am Ende ist die Entscheidung keine rein betriebswirtschaftliche. Sie ist eine strategische Weichenstellung. Die Übernahme bietet einen schnellen Einstieg auf einem stabilen Fundament – bei begrenzter Freiheit. Die Neugründung eröffnet viele Gestaltungsräume zu einem Preis, der vor allem im Risiko liegt.

Hintergrund: Herausforderung Betriebsnachfolge

In den kommenden fünf bis sechs Jahren suchen rund 20.000 Handwerksbetriebe in Baden-Württemberg eine Nachfolge. Knapp die Hälfte der Übergaben erfolgt aktuell noch innerhalb der Familie, die Suche nach geeigneten Nachfolgerinnen und Nachfolgern wird für Betriebsübergeber schwieriger.

Um Betriebe langfristig zu sichern, müssen neue Zielgruppen für die Selbständigkeit im Handwerk gewonnen und bei der Betriebsübernahme begleitet werden. Vor diesem Hintergrund wurde das Projekt „Next Generation Handwerk“ ins Leben gerufen, das vom Wirtschaftsministerium des Landes Baden-Württemberg im Rahmen der Kampagne „Nachfolge BW“ gefördert wird. Kernstück ist die Plattform www.nachfolge-im-handwerk.de. Sie bündelt Informationen, Beratungsangebote und Qualifizierungsmaßnahmen, um die Unternehmensnachfolge im Handwerk zu erleichtern und mehr Menschen für die Übernahme von Betrieben zu gewinnen.


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