
Steigende Kosten, getrennte Zuständigkeiten und fehlende Wohnmöglichkeiten für Auszubildende: Die Handwerkskammer Konstanz sieht dringenden Handlungsbedarf bei der beruflichen Bildung im Land.
Darüber sprach die Spitze der Handwerkskammer Konstanz mit Jens Metzger, neuer Landtagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen für den Wahlkreis Tuttlingen-Donaueschingen. Metzger, der selbst Schreiner ist und zuvor ein Studium der Politik- und Wirtschaftswissenschaft absolviert hatte, interessierte sich dabei besonders für die Frage, wie Handwerk und Wissenschaft noch enger zusammenarbeiten können.
Berufliche Bildung stärker zusammendenken
Hauptgeschäftsführer Georg Hiltner nannte als Beispiel das ESF-Förderprojekt „Walz 4.0“. Dort arbeiten Handwerker und Studierende gemeinsam an Projekten. Was im Kleinen funktioniere, müsse auch in größeren Strukturen stärker mitgedacht werden, betonte Hiltner mit Blick auf die getrennten Zuständigkeiten in der beruflichen Bildung. Berufsschulen liegen beim Kultusministerium, die überbetriebliche Ausbildung im Handwerk beim Wirtschaftsministerium. Überall müsse regemäßig saniert und in moderne Ausstattung investiert werden. Nur so könne eine hochwertige Ausbildung gewährleistet werden. „Hier brauchen wir mehr Austausch, denn wir können uns teure Parallelstrukturen in der beruflichen Bildung auf Dauer nicht leisten. Wir müssen Ausbildung gesamtheitlicher denken“, forderte Hiltner.
Bildungsstandorte und Azubi-Wohnen im Blick
Die Handwerkskammern prüfen ihre eigenen Strukturen bereits intensiv. In Baden-Württemberg wurde dazu eine Strukturanalyse in Auftrag gegeben, an der auch 15 Fachverbände beteiligt sind. Ziel sei es, Ausbildungsschwerpunkte, Auslastung und künftige Bedarfe genauer zu erfassen und Doppelstrukturen zu vermeiden, so Hiltner. Das Ergebnis der umfangreichen Analyse wird für Mitte 2027 erwartet.
Die Handwerkskammer Konstanz betreibt Bildungsstandorte in Singen, Waldshut und Rottweil sowie gemeinsam mit der IHK in Metzgers Wahlkreis Tuttlingen.
Werden Ausbildungsgänge künftig stärker gebündelt, brauche man für Auszubildende bezahlbare und verlässliche Wohnmöglichkeiten in der Nähe der Bildungsstätten, forderte Kammerpräsident Werner Rottler.
Förderprogramme sollen Betriebe unterstützen
Ein weiteres Thema war die Förderpolitik. Rottler hob die vom Wirtschaftsministerium geförderten Projekte „Next Generation Handwerk“ und „Horizont Handwerk“ hervor. „Next Generation Handwerk“ unterstützt junge Handwerkerinnen und Handwerker bei der Übernahme von Betrieben. „Horizont Handwerk“ bietet Hilfestellung bei Digitalisierung, Personalentwicklung, Unternehmensstrategie und Nachhaltigkeit.
Nach Angaben von Metzger plant die Landesregierung, dieses Programm weiter zu fördern. Auch bei der Umsetzung der im Koalitionsvertrag vereinbarten Verdoppelung der Meisterprämie auf 3.000 Euro zeigte sich der Landtagsabgeordnete optimistisch.
Kritik äußerte Kammerpräsident Rottler an der Umstellung der Digitalisierungsprämie des Landes von einem Zuschuss auf eine kreditbasierte Förderung. Dadurch seien die Zugangshürden für viele kleinere Betriebe gestiegen. „Viele kleinere Handwerksbetriebe haben die Prämie als Anschubfinanzierung gebraucht, um das Büro digital fit für die Zukunft zu machen oder Prozesse zu vereinfachen“, sagte Rottler.
Bedeutung des Handwerks stärker sichtbar machen
Jens Metzger betonte: „Das Handwerk ist ein zentraler Motor unserer wirtschaftlichen Entwicklung und für das Gelingen der Transformation. Darum müssen wir berufliche Bildung, Fachkräftesicherung und Zusammenarbeit zwischen Handwerk und Wissenschaft künftig noch stärker zusammendenken.“ Er wolle sich dafür einsetzen, dass das Handwerk in der Landespolitik noch stärker wahrgenommen werde, nicht zuletzt wegen seiner Bedeutung für Ausbildung, Beschäftigung und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Kammerpräsident Werner Rottler fasste zusammen: „Um Handwerk erfolgreich in die Zukunft zu führen muss Bildung ganzheitlich betrachtet werden und darf nicht an getrennten Zuständigkeiten, Kosten oder fehlenden Wohnmöglichkeiten scheitern.“