Gesundheit So entlasten Exoskelette das Handwerk

PRESSE. Exoskelette bringen eine spürbare Entlastung bei körperlichen Tätigkeiten. Gerade Handwerker können profitieren und so langfristig gesundheitlichen Schäden vorbeugen. Die Handwerkskammer Konstanz begleitet das Thema schon seit Jahren und unterstützt Betriebe bei der Einführung.

Mann in Kfz-Werkstatt hebt einen Autoreifen an. Er trägt ein Exoskelett.
HWK KN / Julia Kipping.

Sommerreifen runter, Winterreifen drauf – im Herbst ist in Kfz-Werkstätten und bei Reifenhändlern Hochsaison. Was für Sicherheit auf der Straße sorgt, ist für die Mitarbeiter in den Werkstätten eine Belastung von Rücken, Schulter und Knie. Nurgali Gaisin schätzt, dass er an Tagen, an denen er im Halbstundentakt Autos für den Reifenwechsel auf die Hebebühne fährt, mindestens 1.800 Kilogramm am Tag bewegt. Um den Rücken und andere Gelenke zu entlasten, nutzen Gaisin und sein Kollege beim Reifenwechsel ein Exoskelett. Beide würden auf die Unterstützung nicht mehr verzichten wollen.

Weniger Krankheitstage dank Exoskeletten

„Wir merken die Entlastung schon während der Arbeit – und sind abends deutlich weniger kaputt“, sagt Gaisin, der bei Steiner Reifen und KFZ-Technik in Konstanz arbeitet. Geschäftsführer David Steiner sieht nur Vorteile durch den Einsatz. „Die Belastung für unsere Mitarbeiter haben wir erheblich reduziert – und die Krankheitstage wegen Rückenbeschwerden sind spürbar zurückgegangen“, erzählt er. Muskel- und Skeletterkrankungen sind laut den gesetzlichen Krankenkassen eine der häufigsten Ursachen für Krankschreibungen.

Die Monteure bei Steiner nutzen den Bionic Back von Htrius in der Werkstatt. Das Exoskelett passt sich mit seiner flexiblen Struktur an den Rücken an und leitet die Kräfte, die beim Tragen und Heben entstehen, ab. Wie ein Rucksack wird das passive System ohne Motor auf den Rücken geschnallt und an den Oberschenkeln fixiert. Mit einem Gewicht von knapp über einem Kilo lässt es laut Hersteller alle Bewegungen zu.

Collage: Front- und Rückenansicht eines Mannes, der ein Exoskelett trägt.
HWK KN / Julia Kipping.

Tragehilfe macht alle Arbeitsschritte mit

In der Praxis habe sich der Einsatz der Hebehilfe bewährt, erklärt David Steiner. „Für unsere Anforderungen darf ein Exoskelett nicht groß und klobig sein. Der Monteur muss sich auch ins Auto setzen und das Fahrzeug aus der Werkstatt fahren können – ohne das Gerät ständig an- und auszuziehen. Dieses Modell tragen unsere Mitarbeiter bei allen Arbeitsabläufen – und angelegt ist es in fünf Minuten.“ Auch sei das Anpassen auf einen anderen Mitarbeiter unkompliziert und schnell erledigt.

Entlastung macht sich nach kurzer Zeit bemerkbar

„Rückenbeschwerden sind im Handwerk und generell bei körperlicher Belastung ein großes Thema“, sagt Matthias Bolduan von Carl Stahl in Singen. Die Firma vertreibt sowohl aktive Exoskelette mit Motor als auch passive von diversen Herstellern. Alle Berufe, die mit größeren Lasten zu tun hätten oder wiederholende Tätigkeiten ausführten, könnten vom Einsatz eines Exoskeletts profitieren, erklärt der Berater. Dazu zählen etwa Zimmerer, Maurer, Gerüstbauer, Stuckateure, Maler, Hufschmiede oder Kfz-Mechatroniker.

„Die Entlastung für den Rücken macht sich schon nach kurzer Zeit bemerkbar. Der Einsatz kann sowohl präventiv als auch bei bestehenden Beschwerden erfolgen, hier ist die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt immer vorausgesetzt. Und je früher man damit anfängt, umso weniger Abnutzungserscheinungen gibt es am Körper“, richtet er sich speziell an junge Handwerker.

Geringe Investition, großer Nutzen

Bei Steiner Reifen und Kfz-Technik in Konstanz hat sich die Investition von rund 3.450 Euro schnell bezahlt gemacht. „Beim Radwechsel ist der Rücken viel gebeugt. Die Monteure müssen immer schwerere Räder bewegen – bis zu 50 Kilogramm.“ Er sehe, dass seine Monteure am Ende des Tages deutlich weniger erschöpft seien.

Die Entlastung für den Rücken macht sich schon nach kurzer Zeit bemerkbar. Der Einsatz kann sowohl präventiv als auch bei bestehenden Beschwerden erfolgen.

Matthias Bolduan, Carl Stahl

Der Bionic Back entlastet den Rücken um 30 Prozent, die Musekelermüdung wird laut Studie der ETH Zürich um 87 Prozent reduziert. Und die Hochschule Offenburg fand in einer Studie heraus, dass sich die Haltung während der Arbeit um fast 40 Prozent verbessert. Das Exoskelett reduziert die schädlichen Bewegungen und verringert den Verschleiß.

Exoskelette nutzen, bevor Beschwerden auftreten

Jan Benz, Berater für Innovation und Technologie bei der Handwerkskammer Konstanz, beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema und bringt regelmäßig Hersteller und Handwerker zusammen. So auch im Frühjahr in der Bildungsakademie Singen. „Es steckt viel Potenzial in dem Thema. Betriebe und die Gesundheit ihrer Mitarbeiter können von dem Einsatz in bestimmten Fällen profitieren.“

Auch für junge Handwerker empfiehlt sich bei schweren Lasten oder monotonen Tätigkeiten der Einsatz von Exoskeletten, um Schäden an der noch sehr flexiblen Wirbelsäule zu vermeiden.

Jan Benz, Berater für Innovation und Technologie bei der Handwerkskammer Konstanz

Vorbehalte meist unbegründet

Er kennt die Vorbehalte, rät Betrieben aber einen Einsatz zu prüfen und sich zu informieren: „Die Angst, dass sich Muskeln durch Exoskelette abbauen, ist unbegründet. Die Systeme nehmen den Kraftaufwand nicht komplett ab. Sie entlasten und beugen Fehlbelastungen und Verschleiß vor. Beispielsweise kann es auch eine entscheidende Hilfe bei einer Wiedereingliederung sein.“

Für Bolduan ist entscheidend, dass die Exoskelette gut sitzen. Deswegen sollten die Angestellten das Exoskelett immer mitaussuchen dürfen. „Wenn sich die Mitarbeiter ein eigenes Bild machen können und das Modell anprobieren und aussuchen können, dann steigt die Akzeptanz.“

Hintergrund: Exoskelette

Exoskelette kommen zum Einsatz, um Schädigungen des Bewegungsapparates bei langer Belastung, dem Heben schwerer Lasten, monotoner Tätigkeit oder einseitiger Belastung zu vermeiden. Die körpernahen Assistenzsysteme sorgen dann für Entlastung. Unterstützt werden je nach Gerät unterschiedliche Bereiche, wie Schulter-Nacken oder Lendenwirbelsäule.

Passive Exoskelette arbeiten mit Federn oder elastischen Bändern. Aktive Systeme bringen die Unterstützung durch einen Motor auf, wiegen dadurch aber mehr. Sie werden in Bereichen eingesetzt, wo über lange Zeit unterschiedlich schwere Gewichte gehoben werden müssen.


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