
Wenn Ecuador auf Deutschland trifft, fiebert Francisco Molina aus Singen besonders mit. Sportlich gesehen ist die Rollenverteilung klar: Deutschland ist bereits für die nächste Runde qualifiziert, Ecuador braucht im letzten Gruppenspiel ein starkes Ergebnis, um seine Chance auf das Weiterkommen zu wahren. Für Francisco Molina aus Ecuador ist das Spiel aber mehr als Fußball. Es ist ein Abend zwischen zwei Welten: seiner Heimat Ecuador und seinem Alltag in Deutschland.
Anschauen wird er das Spiel zu Hause mit seiner Familie. Seine Prognose ist eindeutig und ziemlich mutig: „Ecuador gewinnt 2:1. Es ist wichtig, dass Ecuador gewinnt, sonst wird die Mannschaft ausscheiden“, sagt Molina. Zu seinen Lieblingsspielern zählt er Moisés Caicedo, William Pacho und Piero Hincapié: drei ecuadorianische Profis, die in europäischen Spitzenligen spielen.
Vom Nebelwald ins Elektrohandwerk
Dass Molino heute in Deutschland lebt und bei Elektro Riederer in Singen eine Umschulung zum Elektroniker macht, war ursprünglich nicht geplant. In Ecuador arbeitete er viele Jahre im Naturschutz und Ökotourismus. In den Nebelbergen widmete sich seine Familie zunächst der Landwirtschaft und Viehzucht. Später lernte Molina durch eine Naturschutzstiftung, wie Ökotourismus helfen kann, Natur zu schützen und Menschen eine Perspektive zu geben. Im Jahr 2000 gründete er mit anderen Landwirten eine Naturschutzgenossenschaft und leitete sie bis 2013.
Deutschland kannte er lange vor allem als Land der Wissenschaft und Technik. Dass er selbst einmal nach Deutschland ziehen würde, hätte er damals nicht gedacht. Geändert hat sich das, als er seine spätere Frau, eine Deutsche, kennenlernte. Gemeinsam lebten sie mit ihren Kindern zunächst in Ecuador, „im Nebelwald, umgeben von Tukanen, Kolibris, Bären und anderen Tieren“, wie Molina erzählt.
Der Schritt nach Deutschland fiel schließlich aus familiären Gründen. Die Kinder sollten Deutsch lernen und ihre deutsche Familie kennenlernen. Aus dem vorübergehenden Aufenthalt wurde ein neues Leben. „Der erste große Schock war das Klima“, sagt Molino. Der zweite Schock war die Sprache. Anfangs half ihm sein Englisch. Heute arbeitet er seit zwölf Jahren in derselben Firma.
Mit 56 noch einmal lernen
Bei Elektro Riederer absolviert Molina derzeit eine Umschulung. Er ist dankbar für die Unterstützung des Betriebs und für das Wissen, das er in der Schule und in der überbetrieblichen Ausbildung vermittelt bekommt. Gleichzeitig spricht er offen darüber, dass dieser Weg nicht immer leicht ist. „Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, dass ich das schaffe“, sagt er. Seine Deutschkenntnisse reichten nicht immer aus, und mit 56 Jahren falle das Lernen nicht leichter. „Aber ich werde weiterkämpfen, soweit es mir möglich ist.“
Gerade deshalb sieht Molino Bildung als eine der großen Stärken Deutschlands. In Ecuador gebe es zwar ebenfalls gute Schulen, doch private Bildung sei für viele Familien kaum bezahlbar. In Deutschland erlebt er ein hohes Bildungsniveau und die Möglichkeit, dass seine Kinder ihren Weg gehen können. Besonders stolz ist er darauf, dass eine Tochter bereits studiert und die anderen auf dem Weg zum Abitur sind.
Zwischen Naturschutz und Technik
Seine Erfahrungen aus Ecuador prägen ihn bis heute. Besonders wichtig ist ihm der verantwortungsvolle Umgang mit Natur und Ressourcen. In seiner früheren Arbeit habe er erlebt, wie Naturschutz Tiere, Pflanzen, Flüsse und Kultur bewahren könne. Zugleich kennt er die Schattenseiten einer Landwirtschaft, in der Wälder gerodet und Chemikalien eingesetzt wurden. Sein Vater starb an den Folgen des übermäßigen Chemikalieneinsatzes, sein
Bruder bekam schwere Atemprobleme
Langfristig kann sich Molina vorstellen, nach Ecuador zurückzukehren, um wieder im Naturschutz zu arbeiten und möglicherweise auch sein neues Wissen aus der Elektrotechnik einzusetzen. Ganz ohne Widersprüche sei das nicht, sagt er. Für elektrische Geräte brauche es Rohstoffe wie Kupfer, zugleich belaste Bergbau Natur und Landschaft. Auch darin zeigt sich, wie Molina beide Welten zusammenbringt: die Erfahrung aus dem Regen- und Nebelwald Ecuadors und das technische Wissen, das er sich im deutschen Handwerk erarbeitet.
Am Donnerstagabend aber zählt für ihn erst einmal Fußball. Ecuador gegen Deutschland ist für Francisco Molina ein persönliches Duell zwischen Herkunft und neuer Heimat. Sein Tipp steht. Sollte Ecuador tatsächlich 2:1 gewinnen, dürfte der Jubel in seinem Wohnzimmer besonders groß sein.