
Ist die überbetriebliche Ausbildung (ÜBA) noch zeitgemäß? Wie lässt sie sich sinnvoll an die aktuellen Herausforderungen anpassen? Und was wollen wir unseren Auszubildenden über den Unterrichtsstoff hinaus beibringen? Über Fragen wie diese haben kürzlich elf Lehrmeister der Bildungsakademien der Handwerkskammer Konstanz sowie der gemeinsam mit der IHK betriebenen Beruflichen Bildungsstätte Tuttlingen (BBT) diskutiert. Anlass war der Workshop „Design Thinking und Kompetenzentwicklung“, den Marc Schnitzler (Berater für Innovation und Technologie mit Schwerpunkt Digitalisierung der Handwerkskammer Aachen) und Anush Shahryary (Dozent an der Akademie für Handwerksdesign Aachen) im Rahmen des Projekts „Design Thinking als Methode in der überbetrieblichen Ausbildung im Handwerk“ veranstalteten. Der Ort war dafür bestens geeignet: der Mitte April eröffnete Kreativraum „Machbar“ in der Beruflichen Bildungsstätte Tuttlingen.
Projekt Design Thinking im Handwerk
Seit Oktober 2025 arbeiten die Handwerkskammern Konstanz und Aachen mit der Beruflichen Bildungsstätte Tuttlingen an einem gemeinsamen, vom Bund geförderten Projekt, das kreatives, lösungsorientiertes und gewerkeübergreifendes Denken und Handeln in der ÜBA im Handwerk etablieren will, kurz: die Design Thinking Methode, die in anderen Branchen längst wirkungsvoll zum Einsatz kommt. Konkret bedeutet das: Auszubildende aus dem zweiten oder dritten Lehrjahr kommen im Kreativraum „Machbar“ in Tuttlingen zusammen und erarbeiten gemeinsam die Lösung für ein Problem. Dabei nutzen sie alle Möglichkeiten, die ihnen im Kreativraum zur Verfügung stehen. Lehrmeister unterstützen die Azubis dabei, mithilfe von Design Thinking ihre Lösungsideen in Projekten umzusetzen.
„Gewerke müssen besser miteinander kommunizieren“
Bestenfalls arbeiten dafür junge Leute aus unterschiedlichen Gewerken zusammen, denkt man etwa an die Sanierung eines Dachgeschosses, an der neben Elektronikern, Malern und Stuckateuren auch Fliesenleger sowie Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker beteiligt sein könnten. „Auf der Baustelle müssen die Gewerke einfach besser miteinander kommunizieren. Perfekt wäre, das schon in der ÜBA den Auszubildenden beizubringen. Die müssen wieder lernen, selbständig zu denken und zu arbeiten; nicht nur nachzukauen, was ihnen im Frontalunterricht vorgesetzt wird“, sagt Peter Keller, Lehrmeister für Elektrotechnik an der Bildungsakademie Waldshut.
Auszubildende müssen wieder lernen, selbständig zu denken und zu arbeiten; nicht nur nachzukauen, was ihnen im Frontalunterricht vorgesetzt wird.
Peter Keller, Lehrmeister für Elektrotechnik, Bildungsakademie Waldshut
Warum Druck entscheidend ist
Am Anfang einer Design-Thinking-Session steht eine Grobform oder Skizze, die man beschreibt und für die man unterschiedliche Prototypen produziert. Dann können so lange Pitches, Bewertungen und neue Prototypen entstehen, bis man bei den Details angekommen ist und ein funktionierendes Ergebnis vorliegt. „Entscheidend beim Design Thinking sind Situationen, in denen man unter Druck gerät. Die führen wir absichtlich herbei. Auszubildende müssen lernen, diesen Druck auszuhalten und unter Druck handlungsfähig zu bleiben“, weiß Marc Schnitzler: „Das Ziel ist Krisenresilienz“. Dabei sei es wichtig, schnell zu ersten Entwürfen zu kommen, statt sich schon am Anfang in Details zu verlieren. Form „follows deadline“ statt „form follows function“, gewissermaßen. Andy Schäfer, Inhaber des Ingenieurbüros „Additive Printing Solutions“, stand mit seiner Expertise den Lehrmeistern zur Seite und ergänzt: „Wir müssen auch zulassen, dass Dinge schief gehen. Wir müssen Fehler machen dürfen, um daraus zu lernen. Das gehört zu einem Design-Thinking-Prozess dazu.“
Auszubildende müssen Druck aushalten und dabei handlungsfähig bleiben. Das Ziel ist Krisenresilienz.
Marc Schnitzler, Berater für Innovation und Technologie mit Schwerpunkt Digitalisierung, Handwerkskammer Aachen
So geht es weiter
Im nächsten Schritt werden sich die Lehrmeister, die sich dafür entscheiden, Design Thinking in ihren ÜBA-Kursen anzuwenden, mit der Technik vertraut machen, die vor Ort zur Verfügung steht: „Im Kreativraum bieten wir als Grundausstattung neueste Technik wie Laser-Cutter, Hartschaumsäge, Harzdrucker, 3D-Drucker und Smartboard bis hin zu einfachen Mitteln wie Pappe, Leder, Schaumstoffplatten und viel weiteres Material mit entsprechenden Werkzeugen“, so Roland Aicheler, Geschäftsführer der BBT. So bald wie möglich sollen nun die Auszubildenden selbst zum Zuge kommen.


Hintergrund: Überbetriebliche Ausbildung (ÜBA)
In vielen Ausbildungsberufen wird das betriebliche Lernen durch überbetriebliche Kurse erweitert. Sie ergänzen mit praktischen Unterweisungen die Ausbildung in den Betrieben. Die überbetriebliche Ausbildung (ÜBA) soll einen technischen Standard garantieren und bringt alle Auszubildenden auf einen einheitlichen Wissensstand zur Vorbereitung auf die Prüfungen.
Die Kurse an den Bildungsakademien der Handwerkskammer Konstanz sind Bestandteil der Ausbildung. Die Auszubildenden werden deshalb vom Betrieb freigestellt.
Im Jahr 2025 besuchten im Kammergebiet Konstanz 2.919 Auszubildende aus 21 Gewerken die ÜBA. Insgesamt verbrachten sie 6.906 Teilnehmerwochen in den Kursen.
Hinweis
Das Projekt „DTM-Handwerk“ wird gefördert im Rahmen der „Initiative für eine exzellente überbetriebliche Ausbildung (INex-ÜBA)“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). INex-ÜBA wird durchgeführt vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).


