
Norbert Unterharnscheidt beunruhigen steigende Energiepreise nicht mehr. Der Geschäftsführer von e.systeme21 hat seinen Handwerksbetrieb umgerüstet und ist seit drei Jahren unabhängig von Krisen und Energiepreissteigerungen. „Durch Photovoltaik, Elektrolyse, Wasserstoff und Brennstoffzelle versorgen wir uns vollständig selbst mit Energie“, sagt der Unternehmer, der sich auch bei seinen Kunden um eine nachhaltige Energieversorgung aus Solarstrom kümmert.
Wie mit der Solaranlage auf der Werkshalle und an der Fassade Unabhängigkeit vom Strom- und Wärmemarkt werden kann, zeigte Unterharnscheidt den Teilnehmenden einer Exkursion von KEFF+ Regionale Kompetenzstelle Ressourceneffizienz Schwarzwald-Baar-Heuberg in Tuttlingen und der Handwerkskammer Konstanz am Unternehmenssitz von e.systeme21 im Industriegebiet Ulm-Donautal.
Aus Solarstrom wird Wasserstoff
„Unser Betrieb ist zu 100 Prozent energieautark. 365 Tage brauche ich keinen Strom oder Gas einzukaufen“, erklärte der Unternehmer seinen Gästen das Power-to-Gas-Konzept. Überschüssigen Strom aus der PV-Anlage mit 80 kWp speise er nicht ins Netz ein, sondern speichere ihn in dem 80 kWh Batteriespeicher oder nutze ihn zur Herstellung von Wasserstoff.
Unser Betrieb ist zu 100 Prozent energieautark. 365 Tage brauche ich keinen Strom oder Gas einzukaufen.
Norbert Unterharnscheidt, Geschäftsführer von e.systeme21
Wasserstoff baute Unterharnscheidt in seinen Energiekreislauf ein, um die Sonnenenergie auch im Winter nutzen zu können. Dafür stehen hinter seinem Betrieb etwa 300 Gasflaschen, in denen der Wasserstoff mit 300 bar Druck gespeichert wird und die den Betrieb CO2-neutral machen. Eine Elektrolyseanlage verwandelt die Sonnenenergie in Wasserstoff, dank einer Brennstoffzelle entstehen daraus dann im Winter wieder Strom und Wärme.
Umweltpreis für e.systeme21
Zur Wärmegewinnung gibt es neben der Brennstoffzelle einen Wasserstoff-Dunkelstrahler als Hallenheizung sowie größere Infrarotheizungen. Für sein Engagement im Bereich Nachhaltigkeit erhielt Unterharnscheidt mit seinem Betrieb 2024 den Umweltpreis für Unternehmen in Baden-Württemberg.
Der Unternehmer erzählte seinen Gästen aus Handwerk und Industrie, dass eine komplette Energieautarkie nur mit Wasserstoff erreichbar sei. Unterharnscheidts Betrieb e.systeme21 könne bei Kunden den Energiebedarf und die Wirtschaftlichkeit der Investitionen im Vorfeld simulieren. „Im Idealfall lässt sich alles miteinander kombinieren: Strom, Wärme, Kühlung, Mobilität. Dank Smart Grid lässt sich alles intelligent zusammen steuern. Wir können so die Anlagen verbinden und optimieren.“ Das erfordere eine enge Zusammenarbeit von Elektronikern und SHK-Installateuren.
Dieses Veranstaltungsformat soll den Teilnehmenden die Möglichkeit bieten, jenseits des eigenen betrieblichen Alltags andere Unternehmen kennenzulernen, neue Erkenntnisse zu gewinnen und sich vom Erlebten inspirieren zu lassen.
Peter Schürmann, Umweltschutzberater bei der Handwerkskammer Konstanz
Unabhängig vom Strompreis
Einen Vorteil eines energieautarken Betriebs macht Unterharnscheidt deutlich: Die Unabhängigkeit von der Entwicklung der Strompreise. „Da der Preis für die Energieversorgung fast nur von den kalkulatorischen Abschreibungen auf die Investitionen abhängt, bleibt der kalkulierte Preis für Strom und Wärme über die Abschreibungszeit der Anlage langfristig konstant. Und dieser liegt bei durchschnittlich etwa 25 Cent pro Kilowattstunde – egal, welche Verwerfungen es auf dem Strommarkt noch geben wird oder wie weit die Netzentgelte steigen. Erneuerbare Energien unterliegen keiner Preissteigerung. Deswegen können Unternehmen langfristig planen, ohne Kostensteigerungen berücksichtigen zu müssen.“
Pilotprojekt für energieautarkes Industriegebiet
Unabhängigkeit von größeren Einheiten wie Städten werde laut Unterharnscheidt mit einer dezentralen Energieversorgung erreicht, dass kleinere Einheiten ihren Energiebedarf selbst erzeugen. Ein solches Pilotprojekt setzt er nun mit über hundert anderen Unternehmen im Industriegebiet „Ulm-Donautal“ um, in dem auch sein Betrieb sitzt. „Wir wollen hier bis 2040 klimaneutral sein. Unser Betrieb ist eingebunden in die Planung und Installation.“ In ein weiteres Projekt ist e.systeme21 in Stuttgart eingebunden. Im gesamten Stadtbereich sind 51 Quartiere definiert worden, die schrittweise klimaneutral werden sollen.
Raupenkrane von Liebherr heben bis zu 3.000 Tonnen
Außerdem führte die Exkursion zum Kranbauer Liebherr am Standtort Ehingen, dessen Gründer Hans Liebherr gelernter Maurermeister war. Nach dem zweiten Weltkrieg konstruierte er 1949 das erste Hebefahrzeug. Mittlerweile hat das Familienunternehmen rund 56.000 Mitarbeiter weltweit und einem Umsatz von 14,77 Milliarden Euro. In Ehingen bekamen die Teilnehmenden der Exkursion eine Führung durch die Fertigung der mobilen Teleskopkrane, die bis zu 1.200 Tonnen heben können. Nach eigenen Angaben ist Liebherr Weltmarkführer im Segment Mobil- und Raupenkrane.
Die auf dem Werksgelände stehenden Raupenkrane beeindruckten mit einer Traglast von bis zu 3000 Tonnen. Zwei Dieselloks mal eben auf die Spitze des Ulmer Münsters zu heben, wäre mit der Technik von Liebherr kein Problem. Die Mobil- und Raupenkrane bauen auch an der Energiewende mit. Sie werden unter anderem beim Errichten und Verladen von Windkraftanlagen eingesetzt. Auch sonst arbeitet Liebherr am Thema Nachhaltigkeit. Neben PV-Anlagen und Geothermie gibt es Krane, die auf der Baustelle im Batteriebetrieb laufen können. Außerdem werden zunehmend mehr gebrauchte Krane wieder aufbereitet und weiterverkauft. Durch immer leichtere Konstruktionen sinkt der Energiebedarf der Fahrzeuge.
Die Exkursion zu Liebherr und e.systeme21 war mit 36 Teilnehmenden ausgebucht.