Klar zur Übernahme Experten-Interview: Was ist der eigene Betrieb wert?

Wer seinen Betrieb übergibt, muss wissen, was das Unternehmen wert ist. Die Betriebsberater Melita Zivoder und Thomas Rieger erklären, warum das AWH-Verfahren einen guten Richtwert liefert.

Melita Zivoder, betriebswirtschaftliche Beraterin der Handwerkskammer Konstanz, im Beratungsgespräch.
HWK KN / Torben Nuding. Melita Zivoder im Beratungsgespräch.

Wer seinen Betrieb übergeben möchte, muss zunächst eine zentrale Frage beantworten: Was ist das Unternehmen eigentlich wert? Thomas Rieger und Melita Zivoder, betriebswirtschaftliche Berater der Handwerkskammer Konstanz, erklären, worauf Betriebe achten sollten.

Herr Rieger, Frau Zivoder, wann sollte man den Wert seines Unternehmens schätzen lassen?

Thomas Rieger: Eine geplante Betriebsübergabe ist tatsächlich der häufigste Anlass. Schließlich wollen
Übergeber und Nachfolger wissen, worüber sie verhandeln. Aber auch in anderen Situationen kann eine Unternehmensbewertung sinnvoll sein – etwa bei einer Scheidung, einer Erbschaft mit mehreren Kindern oder aus steuerlichen Gründen.

Melita Zivoder: Grundvoraussetzung ist allerdings, dass sich eine Bewertung wirtschaftlich lohnt, also erst, wenn ein Betrieb dauerhaft ausreichend hohe Gewinne generiert. Deshalb prüfen wir im ersten Beratungsgespräch anhand der Kennzahlen, ob die Voraussetzungen erfüllt sind. Für Kammerbetriebe sind sowohl Beratung als auch Unternehmensbewertung kostenlos.

Schätzen Betriebsinhaber den Wert häufig falsch ein?

Rieger: Ja, das kommt regelmäßig vor. Für viele hat der eigene Betrieb einen hohen ideellen Wert, schließlich haben sie ihn oft über Jahrzehnte aufgebaut. Dadurch kann aber eine völlig falsche Sicht entstehen. Für den Markt zählt nur, welche Erträge das Unternehmen künftig erwirtschaftet.

Ein Käufer übernimmt nicht nur Maschinen oder Gebäude. Er übernimmt funktionierende Abläufe, eingespielte Mitarbeiter und gewachsene Kundenbeziehungen.

Thomas Rieger, betriebswirtschaftlicher Berater bei der Handwerkskammer Konstanz

Was können Inhaber tun, um den Wert zu steigern?

Rieger: Wer eine Übergabe plant, sollte den Betrieb bis zum Schluss weiterentwickeln. Investitionen in moderne Maschinen oder digitale Prozesse wirken sich positiv aus sowie ein funktionierendes Team an Mitarbeitern. Deswegen ist es wichtig, offene Stellen nachzubesetzen und Fachkräfte im Betrieb zu halten. Ein Käufer übernimmt nicht nur Maschinen oder Gebäude. Er übernimmt funktionierende Abläufe, eingespielte Mitarbeiter und gewachsene Kundenbeziehungen. Je besser der Betrieb organisiert ist, desto besser sind meist die Zukunftsaussichten.

Warum gibt es für Handwerksbetriebe ein eigenes Bewertungsverfahren?

Zivoder: Handwerksbetriebe funktionieren anders als große Unternehmen. Meist ist der Inhaber das Herz des Betriebs. Er kennt die Kunden und Lieferanten persönlich, bringt das nötige Knowhow mit und trifft die unternehmerischen Entscheidungen. Diese starke Abhängigkeit von der Unternehmerpersönlichkeit
berücksichtigt das AWH-Verfahren. Es wurde von der Arbeitsgemeinschaft der Wert ermittelnden Betriebsberater im Handwerk (AWH) entwickelt und ist vom Finanzamt anerkannt.

Handwerksbetriebe funktionieren anders als große Unternehmen. Meist ist der Inhaber das Herz des Betriebs.

Melita Zivoder, betriebswirtschaftlicher Beraterin bei der Handwerkskammer Konstanz

Wie läuft eine Bewertung nach dem AWH-Verfahren ab?

Rieger: Im Mittelpunkt stehen die künftigen Ertragsaussichten des Unternehmens. Dafür betrachten wir die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen vier Jahre und ermitteln, welchen Überschuss der Käufer erwarten kann, wenn er den Betrieb in vergleichbarer Weise weiterführt. Was sagt der ermittelte Unternehmenswert am Ende aus?

Zivoder: Er liefert einen objektiven Richtwert und damit eine faire Grundlage für beide Seiten. Der tatsächliche Kaufpreis entsteht aber erst in den Verhandlungen zwischen Übergeber und Übernehmer.

Rieger: Eine Unternehmensbewertung schafft Transparenz und liefert nachvollziehbare Argumente für die Preisfindung. Gleichzeitig zeigt sie Stärken und mögliche Schwachstellen eines Betriebs auf. Das hilft nicht nur bei
Verhandlungen, sondern auch dabei, dass das Unternehmen schon einige Jahre vor einer geplanten Übergabe weiterzuentwickeln.

Hintergrund: Klar zur Übernahme

In der Serie „Klar zur Übernahme“ stellt die Redaktion Handwerkerinnen und Handwerker vor, die einen Betrieb übernommen haben. Sie zeigt Wege zum eigenen Betrieb und informiert über Chancen und Herausforderungen. Die Serie begleitet das Landesprojekt „Next Generation Handwerk“.

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