
Wenn Handwerk und Wissenschaft aufeinandertreffen, begegnen sich zwei unterschiedliche Welten, die voneinander profitieren können. In der Zusammenarbeit von Theorie und Praxis liegt die Chance, Innovation und nachhaltigen Fortschritt voranzutreiben. „Unsere Welt ist von stetigem Wandel und komplexen Herausforderungen geprägt“, sagt Georg Hiltner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz.
„Da gewinnen Kooperationen zwischen Handwerk und Wissenschaft zunehmend an Bedeutung. Um zukunftsfähig zu werden, müssen wir daran arbeiten, Vorbehalte abzubauen und eine Umgebung schaffen, in der unterschiedlichste Berufsgruppen bestmöglich zusammenarbeiten können.“
Die Stärken aus beiden Welten bringt beispielsweise die Kooperation zwischen dem Handwerksbetrieb Solar Buhl aus Radolfzell und dem Konstanzer Start-up Levo hervor. Zusammen haben sie eine smarte Photovoltaik-Lösung für Mehrfamilienhäuser entwickelt, die Erzeugung, Abrechnung, Verbrauch und Einspeisung unkompliziert zwischen den Parteien regelt. Damit räumen sie ein Hindernis aus dem Weg, an dem solche Projekte bislang oft gescheitert sind.
Intelligente Lösungen für Photovoltaik
„Die exakte Abrechnung war bei PV-Anlagen auf Mehrfamilienhäusern bislang ein Problem, weil alles über einen Stromzähler lief“, erklärt Patrick-Noël Horstmeier, Geschäftsführer bei Levo. Im Mieterstrommodell war bislang vieles kompliziert. Mit der Lösung soll das Abrechnen des Sonnenstroms vom eigenen Dach einfach werden. „In unserem System bekommt jeder Mieter einen eigenen Smart Meter, der den Verbrauch jeder Partei exakt ermittelt“, erklärt Max Buhl, Elektromeister und Geschäftsführer von Solar Buhl.
Der Handwerksbetrieb übernimmt die technische Seite der Kooperation, wie die Installation der Anlagen, einschließlich der Smart Meter. Seit fast zwei Jahren tüfteln die beiden an der Lösung, bei der Levo, ehemals Radiant, die Entwicklung und Anpassung der Software übernimmt. Mit Radiant erhielt Horstmeier eine Förderung als Start-up von der HTWG Konstanz.
„Eine Photovoltaikanlage lohnt sich eher auf einem Mehrfamilienhaus, da der Strom gleichmäßiger über den Tag verteilt verbraucht wird“, erklärt Horstmeier. „Das rechnet sich auch als Investition für den Eigentümer schneller.“ Und das Potential ist riesig. „Nur ein Bruchteil der Dächer hat bereits eine PV-Anlage. Wir machen es jetzt auch für Mehrfamilienhäuser attraktiv.“
Handwerk bringt Solarlösungen aufs Dach und ins Haus
Bei der Entwicklung ist es Horstmeier wichtig, gleich mit dem Handwerk zusammenzuarbeiten. „So konnten wir gemeinsam an der Umsetzung arbeiten und viele Fehler von vornherein vermeiden oder gemeinsam unkompliziert lösen.“
Als gut aufgestellter Handwerksbetrieb sorgt Solar Buhl für die fachgerechte Installation und Marktnähe. Mehrfamilienhäuser seien für das Handwerk eine große Chance, sagt Max Buhl. „Denn die Installation ist komplizierter als bei Einfamilienhäusern und erfordert mehr handwerkliches Wissen.“ Sein Betrieb bringe das nötige Fachwissen mit und sei Ansprechpartner direkt vor Ort. „Mit unseren Dienstleistungen wollen wir den Kunden einen Mehrwert bieten. Wir bieten passgenaue Lösungen – genau das, was der Kunde braucht.“
Kooperation gewinnt Innovationspreis Junges Handwerk
Für ihre Idee haben die Unternehmen den Innovationspreis Junges Handwerk 2025 gewonnen. Der Preis wurde erstmals durch die Handwerkskammer Konstanz, den Verein UfG – Unternehmer:innen für Gründer:innen und das Energienetzwerk solarLAGO vergeben. „Der Innovationspreis soll in der Öffentlichkeit das Bewusstsein schaffen, dass das Handwerk ein zentraler Akteur der Transformation ist. Es ist innovativ und bringt neue Technologien in den Markt. Die jungen Betriebe beweisen, dass Zukunft und Tradition sich verbinden lassen“, so Georg Hiltner.
Auch die Handwerkskammer ist Partner einer Kooperation zwischen Handwerk und Wissenschaft. Mit dem Projekt Walz 4.0 unterstützt sie den Wissenstransfer zwischen Meisterschülern und Studenten. Zimmerer, Architekten und Ingenieure arbeiten zusammen und lernen voneinander. Das Interreg-Projekt Walz 4.0 wurde von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) Konstanz ins Leben gerufen. Als Koordinator bringt sie Handwerksbetriebe, Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen.
Walz 4.0: Studierende und Meisterschüler auf Augenhöhe
Das Projekt verfolgt einen transdisziplinären Ansatz: Studierende der HTWG und Meisterschüler der Bildungsakademie Rottweil arbeiten gemeinsam an realen Bauprojekten. Ziel ist es, den Wissenstransfer zwischen Handwerk und Hochschule zu stärken und Barrieren in der Kommunikation abzubauen. „Das Projekt bietet eine großartige Chance, auf Augenhöhe zu kommunizieren und
Verständnis füreinander zu entwickeln“, erklärt Hiltner einen positiven Effekt.

Meist laufe es so, dass Ingenieure und Architekten planen und Handwerker umsetzen. „Wenn sich Studenten und Meisterschüler allerdings schon in der Ausbildung fachlich austauschen, dann können sie später Bauprojekte mit größerer Effizienz umsetzen“, betont Hiltner. „Unsere Meisterschüler sehen, dass sie fachlich zu Lösungen beitragen können. Das tut auch dem Selbstbewusstsein im Handwerk gut.“ So entstehen Netzwerke, die weit über das Projekt hinausreichen und neue Impulse für die gesamte Branche setzen können.
Gemeinsame Projekte von Handwerk und Wissenschaft ermöglichen, dass neue Technologien schneller in die Anwendung kommen. „Innovation braucht Rückenwind. Den geben wir mit solchen Projekten“, so Hiltner. „Als Bildungsträger gehen wir diesen Weg weiter. Wir wollen dauerhaft solche Netzwerke aufbauen und zur Verfügung stellen, um einen fachlichen Austausch zwischen den Gewerken und anderen Disziplinen zu fördern.“