Handwerkskammer Konstanz

"Man lernt mit den Augen"

Neues Kooperationsprojekt bereitet Geflüchtete auf eine Ausbildung im Bäckerhandwerk vor

„Bäckerklasse“ ist das neuste Flüchtlingsprojekt im Handwerk, das Anfang des Jahres mit 17 Teilnehmern im Berufsschulzentrum Radolfzell startete. Das Ziel: Bis Herbst sollen möglichst alle sprachlich so weit sein, um eine reguläre Bäckerausbildung beginnen zu können.

Einen ersten Schnuppertag in vier regionalen Bäckerbetrieben gab es bereits vorab für über 30 Interessierte. Zehn Teilnehmer durften beispielsweise dem Singener Bäckermeister Eric Stadelhofer und seinem Kollegen Andreas Auer über die Schultern schauen. „Ich habe die Maschinen erklärt, gezeigt, wie man Teig macht, so wie ich das auch mache, wenn Klassen vorbei kommen. Im Handwerk funktioniert viel durch abschauen. Man lernt mit den Augen“, erzählt Stadelhofer, der mit seinem Sohn, ebenfalls in der Bäckerausbildung, zum Projektstart nach Radolfzell gekommen war.

Was kommt woanders ins Brot?

Informationen flossen in der Bäckerei Stadelhofer am Berufsorientierungstag aber auch in die andere Richtung: „Ich wollte von den Teilnehmern wissen, welche Zutaten in deren Heimatland für ein Brot genutzt werden und welche Erfahrungen die Flüchtlinge schon im Bäckerhandwerk gemacht haben. Einer hat bereits als Patissier gearbeitet, das ist natürlich eine super Voraussetzung“, so Stadelhofer. Man könne von Menschen aus anderen Kulturen viel Neues für das eigene Gewerk lernen, so sein Angebot erweitern und den veränderten Kundenwünschen anpassen.

Anfragen für ein Praktikum aus den Schulen trudeln bei Stadelhofer bereits ein. „Mehr als eine Person können wir allerdings nicht aufnehmen, denn wir wollen uns ja auch ordentlich um diesen Menschen kümmern“, so der Bäckermeister.

Betriebe warten auf gute Fachkräfte

Der junge Afghane Jamil ist einer der Flüchtlinge, die begeistert am Projekt teilnehmen. „Ich habe zuhause schon drei Jahre als Bäcker gearbeitet. Es gibt keinen schöneren Beruf! Bäcker zu sein ist meine große Liebe“, schwärmt er. Die Chancen, diesem Traumberuf zukünftig in Deutschland nachgehen zu können, seien für ihn sehr gut, erklärte Raimund Kegel von der Handwerkskammer. „Kammerweit gibt es rund 150 Bäckereien, die gute Fachkräfte mit Kusshand bei sich aufnehmen.  Das sind nachhaltig sichere Arbeitsplätze“, so Kegel. Bereits acht Geflüchtete würden im Bezirk der Handwerkskammer Konstanz bereits als Bäcker ausgebildet. Für die „Bäckerklasse“ stünden nun 25 Praktikumsplätze zur Verfügung.

Mehr Zusammenarbeit und Vernetzung

Erfreut äußerte sich Kegel auch über den wachsenden Vernetzungsgedanken der Bäckereien in der Region. Bereits durch Projekte wie „Startklar“ für neue Bäcker-Auszubildende sei es zum verstärkten Austausch untereinander gekommen. Im aktuellen Projekt arbeiteten nun Innungsbetriebe und eine Großbäckerei zusammen. „Wir sitzen letztlich ja alle im gleichen Boot und das Thema Fachkräftesicherung ist für alle die größte Herausforderung. Daher macht es Sinn, enger zusammenzuarbeiten. Vom Austausch profitieren letztlich alle“, so Kegel.

 

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Zum Projekt:

„Flüchtlinge ins Bäckerhandwerk“ ist ein Kooperationsprojekt der Handwerkskammer Konstanz, der Beschäftigungsgesellschaft des Landkreises Konstanz, der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg, des JobCenters Landkreis Konstanz und des Landratsamts Konstanz. Ziel ist es, geflüchteten Menschen eine Ausbildung im Bäckerhandwerk zu ermöglichen. Nach einem Berufsorientierungstag in vier regionalen Bäckereien im vergangenen November startete nun für am Beruf interessierte Flüchtlinge der Sprachunterricht im Berufsschulzentrum in Radolfzell. Dieser soll in Kürze durch Praktikumstage in Bäckerbetrieben ergänzt werden. Ziel ist der Einstieg der jungen Geflüchteten in eine Einstiegsqualifizierung bis spätestens März mit der Aussicht, im September eine reguläre Ausbildung im Bäckerhandwerk beginnen zu können, wenn die sprachliche Basis vorhanden ist

Zeitgleich mit dem Bäckerprojekt startete am Berufsschulzentrum Radolfzell mit der VABO-E Klasse ein Projekt für erwachsene Geflüchtete, die dort einen Hauptschulabschluss erlangen können.