"Keiner muss zu kurz kommen"

Landtagswahlen 2016: Kammerpräsident Gotthard Reiner im Interview

Herr Reiner, Sie sind jetzt seit fünf Jahren im Amt, genauso lange wie die grün-rote Landesregierung. Was ist denn Ihr Eindruck: Liegt das „Herzstück der deutschen Wirtschaft“ der Politik tatsächlich am Herzen?

Baden-Württemberg ist ein mittelstandsfreundliches und damit auch ein handwerksfreundliches Land. Man muss nur an die ganzen Zuschuss-, Darlehens-, Bürgschafts- und Beratungsprogramme denken. Da muss keiner zu kurz kommen, der sich ein bisschen informiert oder beraten lässt. Das halte ich auch für wichtig, denn schließlich gibt es in jedem Betrieb immer mal wieder Baustellen, bei denen schnell und pragmatisch geholfen werden muss.

Zum Thema rot-grün: Da gab es anfangs schon ein paar – ich nenne sie mal – Anfänger in der damals neuen Landesregierung, aber die Türen standen dem Handwerk grundsätzlich offen. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit Verkehrsminister Herrmann, dem ich sehr eindrücklich vermittelt habe, dass das Thema Straßenbau natürlich oberste Priorität hat für uns Unternehmer. Eine halbe Stunde länger auf der Straße ist einfach pures Geld.

Gotthard Reiner
Handwerkskammer Konstanz
Gotthard Reiner

Die Energiepolitik begrüße ich im Großen und Ganzen. Aber auch hier musste deutlich gemacht werden, dass einseitige Entlastungen zu Gunsten weniger großer Konzerne nicht hinnehmbar sind und dem Mittelstand und damit auch dem Land schaden.

Was mir manchmal fehlt, sind die großen Fragen, die Strategien für die Zukunft. Wie sieht das Handwerk und unser Mittelstand in, sagen wir, 20 Jahren aus? Wird sich die Vielfalt, die uns heute ausmacht, bewahren lassen? Klar ist es nicht Aufgabe der Politik, hier Antworten zu finden. Das muss das Handwerk schon selbst tun und ich bin mir sicher, dass wir das auch können. Aber ich erwarte mir doch den ein oder anderen Impuls und eine generelle Unterstützung in diesem Prozess.

Wäre denn ein eigenständiges Wirtschaftsministerium der richtige Ansprechpartner für diese großen Fragen?

Warum nicht? Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzige Superministerium alle Anliegen gleichberechtigt behandeln kann. Es liegt doch auf der Hand, dass es immer wieder Interessenskonflikte im Ministerium geben muss zwischen denen, die die Wirtschaft befeuern wollen und denen, die fürs Geldverteilen bzw. Sparen zuständig sind. Ich stelle mir außerdem das Aufgabenfeld des Bereichs Wirtschaft allein schon so umfangreich vor, dass ein eigenständiges Wirtschaftsministerium sicher zielgenauer und schlagkräftiger im Sinne des Mittelstands agieren könnte.

Eine Forderung, die seitens der Wirtschaft ja mit größter Regelmäßigkeit gestellt wird, ist die nach Bürokratieabbau. Was ärgert einen Handwerksbetrieb da denn gerade am meisten?

Jede Regierung hat uns bisher versprochen, die Bürokratie weiter herunterzuschrauben. Bei mir persönlich im Betrieb überwiegt allerdings der Eindruck, dass es jährlich mehr Formulare und Vorgaben gibt. Für einen kleineren Familienbetrieb, wie wir ihn haben, sind die Grenzen des Machbaren eigentlich erreicht. Allein schon die Vorfälligkeit von Sozialversicherungsbeiträgen ist für uns ein unnötiger Mehraufwand. Aber auch die ausufernden Bauvorschriften machen uns zu schaffen. Alles muss dokumentiert werden, vom Brandschutz bis zu diversen Messprotokollen mit Doppelunterschrift. Oft ist der Bauherr, der gegenzeichnen soll, aber nicht vor Ort … Das alles kostet einfach zusätzlich Zeit und Nerven.
Auch bei der öffentlichen Beschaffung und Vergabepraxis muss man das richtige Maß finden und uns nicht durch ökologische oder sonstige Kriterien überlasten. Es wäre schön, wenn wieder mehr Vertrauen anstelle von Überreglementierung ins Spiel käme.
Was die Dokumentationspflicht beim Mindestlohn anbelangt, so ist sie für unseren Betrieb keine große Last, sicher aber ein Ärgernis in Branchen mit vielen Teilzeitkräften, etwa beim Bäckereifachverkauf.

Dass das Land nicht nur Akademiker, sondern auch Fachkräfte braucht, ist offensichtlich. Haben Sie den Eindruck, dass die Gleichwertigkeit akademischer und beruflicher Bildungswege tatsächlich in den Köpfen angekommen ist?

In Sachen Durchlässigkeit wurde schon viel erreicht. Aber in den Köpfen ist das noch lange nicht angekommen. Die Politik muss hier klare Kante zeigen. Leider hat die Landesregierung gleich zu Anfang unter dem Druck der OECD einen Fehler gemacht und eine höhere Akademikerquote gefordert. Mittlerweile ist man schlauer und wirbt mit Programmen wie "gut ausgebildet.de" wieder stark für die duale Ausbildung. Ich sehe da übrigens auch die Eltern gefordert: Sie sollten mehr tun, als ihren Kindern tausend Möglichkeiten aufzuzeigen, sondern wirklich Orientierung bieten. Wieso nicht erst einmal eine Ausbildung starten und – wenn dann noch Bedarf besteht – ein Studium oder weitere Qualifikationen anschließen? Auf die Lebenszeit gerechnet und auch so ist das absolut keine verlorene Zeit, sondern ein echter Gewinn für alle!

Um nichts wurde in den vergangenen Jahren mehr gestritten als um Bildungspläne und Schulformen. Was ist denn aus Ihrer Sicht der Weg zum Schulfrieden?

Für das Handwerk zählt bei allen Diskussionen vor allem eines: Schulen müssen in der Lage sein, Jugendliche zur Ausbildungsreife zu führen und sie fähig zu Eigenverantwortung machen. Was die richtige Schulform ist? Darum geht es doch nicht. Was zählt sind Schulleitungen, die ihr Konzept konsequent leben und engagierte, motivierte Lehrkräfte, die sich um die Stärken und Schwächen der ihnen anvertrauten Schüler kümmern. Wenn alle gut zusammenarbeiten, führt das zum Erfolg – egal ob Gemeinschafts- oder Realschule.

Zur Bildungsplanreform kann ich nur sagen: Endlich tut sich was! Im kommenden Schuljahr wird das Fach Wirtschaft eingeführt, so dass Schüler früher mit unternehmerischen Themen in Kontakt kommen. Und auch die verstärkte Berufsorientierung in allen Schultypen können wir nur gutheißen. Das setzt aber auch voraus, dass Lehrer Kenntnis von den Berufswahlmöglichkeiten, also auch von den Ausbildungsperspektiven im Handwerk, haben. Wir müssen endlich erreichen, dass Jugendliche passgenauer wählen können, was sie beruflich machen wollen. Und dass damit Enttäuschungen und Abbrüche deutlich reduziert werden.

Gerade im ländlichen Raum gehen die Schülerzahlen weiter zurück – einige Berufsschulklassen sind von Schließung bedroht. Wo führt diese Entwicklung hin?

Das ist für mich ein ganz schwieriges Thema. Die Entwicklungen sind zum Teil katastrophal. Wenn wir die Schulen aus der Fläche nehmen, läuft in einigen Regionen nichts mehr! Wir verschließen uns Veränderungen ja nicht und wissen auch um das Thema Wirtschaftlichkeit. Daher müssen wir mit allen Partnern, mit Landkreisen und beruflichen Schulen über die Kreisgrenzen hinweg nach sinnvollen Kompromissen suchen, die einerseits finanzierbar sind. Die aber andererseits auch verhindern, dass Berufe nicht mehr ausgebildet werden, weil die Schulorte zu weit weg liegen, so dass das kein junger Mensch mehr auf sich nehmen will oder kann.

Herr Reiner, zum Abschluss noch eine letzte Frage:

Was brauchen Betriebe jetzt am Nötigsten, um in den kommenden Jahre erfolgreich zu sein?

Eines der dringlichsten Themen in Gesprächen mit Unternehmern ist die Sicherung der Fachkräfte im Betrieb. Der Ausbildungsmarkt hat sich komplett gewandelt und viele Stellen bleiben unbesetzt. Der Fachkräfteengpass darf nicht das Wachstum abwürgen. Wenn auch die beste Nachwuchswerbung nicht hilft, müssen wir zumindest die bestehenden, sehr erfahrenen Fachkräfte halten können. Weiterbildungen und flexible Arbeitszeiten sind hier Schlüsselbegriffe.

Was uns bleibt, ist noch effektiver zu arbeiten. In vielen Betrieben können die internen Abläufe noch verbessert werden. Digitale Lösungen können hilfreich sein, ob beim Zeiterfassungssystem oder der Auftragsabwicklung. Voraussetzung hierfür ist allerdings ein schnelles Internet, was noch nicht überall existiert. Daher ist eine wesentliche Forderung des Handwerks, den Breitbandausbau voranzutreiben. Die Handwerkskammer hat dem Thema Digitalisierung übrigens in diesem Jahr eine ganze Inforeihe gewidmet und unterstützt ihre Mitgliedsunternehmen dabei, digitale Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen.

Ansonsten kann ich nur sagen: Bleiben wir im Handwerk weiterhin flexibel und wendig! Das hat uns schon über viele Krisen gerettet und ist auch für die Zukunft ein wichtiges Erfolgsrezept.

gotthard.reiner@hwk-konstanz.de

16.02.2016